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Warum Diener Jehovas in ihrer Zuteilung Leid ertragen müsse



Ein weiterer Kommentar zu einer Ansprache an die Bethelfamilie von Edward Aljian vom Zweigbüro der Vereinigten Staaten


Die von der WTG vor einigen Jahren angekündigte Entlassung langjähriger Bethelmitarbeiter muss unter den Betroffenen doch große Unruhe verursacht haben. Und das nicht ohne Grund, sehen besonders die Älteren, die oft nach langen Jahren aus dem Betheldienst ausscheiden müssen und in den Sonderdienst geschickt werden, einer ungewissen Zukunft entgegen.


Derzeit weinen sich wohl insgeheim zahlreiche Mitarbeiter die Augen aus, weil sie dunkel ahnen, einer fundamentalen Lebenslüge aufgesessen zu sein. Es ist nicht unbedingt die „Zuteilung in den Sonderdienst“, dies mag von einigen sogar noch positiv gesehen werden, sondern eher das Wissen darum, dass der Verzicht auf Karriere, Kinder, Enkel und auf eine solide Altersvorsorge nichts mit dem Willen Gottes zu tun hat. Nun stehen sie vor dem Nichts und können nur hoffen von den Versammlungen, denen sie zugeteilt werden, das Gnadenbrot zu bekommen.


Viele 50- bis 70- Jährige spüren dabei intuitiv, dass die Abschiebung in den Sonderdienst erst die Vorstufe vor der endgültigen Entlassung in die Altersarmut bedeutet. Bestenfalls werden wohlmeinende Brüder für sie sorgen oder, so vorhanden, Familienangehörige oder zuletzt gar das Sozialamt. Diese Maßnahmen sorgen unter den Entlassenen jedoch für weit mehr Aufruhr, als es die Führung erwartet hatte.


Nun versucht die LK diesen Betroffenen zu vermitteln, dass man als ein Diener Jehovas bereit sein muss Leid und Entbehrung zu ertragen. Schließlich sei für einen Diener Jehovas das Wichtigste die Rechtfertigung Seiner Souveränität und nicht die ureigenen persönlichen Bedürfnisse.


Dies ist kurz zusammengefasst der Tenor einer Ansprache von Edward Aljian unter dem Thema „Warum lässt Gott zu, dass Menschen leiden. Man mag sich verwundert fragen, weshalb sich Edward Aljian als Vertreter des Zweigbüros der USA dazu bewogen fühlt, an die Bethelfamilie solch eine Frage zu stellen. Ist denn nicht jeder Zeuge Jehovas nach jahrelangem Bibelstudium in der Lage diese Frage selbst zu beantworten?

Im Grunde ja, doch in seiner Ansprache geht es Edward Aljian nicht um das allgemeine Leid der „Weltmenschen“, die unter den Zuständen dieser bösen Welt zu leiden haben. Doch nein, man höre und staune, es geht um Personen, die sich für Gottes Organisation verausgabten, welchen die WTG nunmehr zumutet sich ohne Unterstützung freizuschwimmen und natürlich in erster Linie dafür für Jehova Stellung zu beziehen.


Offensichtlich versucht er ihnen begreiflich zu machen, dass es auch im Bethel Ungerechtigkeit und Erschwernisse gibt, die ein Diener Jehovas aber im Interesse der Streitfrage dankbar erdulden und hinnehmen sollte. Da wäre es fatal, wenn er seine Freude in diesem bevorrechtigten Dienstzweig verlieren würde.

Es wird also sehr schnell klar, worauf der Redner in seiner Ansprache hinaus will, wenn er wie folgt fortfährt:

„Als Zeuge Jehovas können wir erklären, warum Menschen leiden, doch heute geht es um die Frage, warum lässt Jehova zu, dass gerade ICH, der ich im Bethel diene, Leid ertragen muss“.

Wer für Jehovas Souveränität einsteht, muss bereit sein Leiden zu ertragen, lautete seine knappe Antwort. Schließlich züchtigt Gott jeden, den er als Sohn aufnimmt. Die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Jehovas wird vom Teufel angezweifelt und wir müssen zur Rechtfertigung beitragen. Wer Jehova liebt, muss seine Leiden und Probleme zurück- und die Souveränität Jehovas voranstellen. Gewissermaßen sagt er zu den enttäuschten Bethelmitarbeitern,

„was jammert ihr denn über eure Situation. Habt ihr nicht gelernt und andere nicht auch selbst gelehrt, dass wir Leiden zu ertragen haben, weil Gott sie im Interesse seiner Streitfrage zulässt? Und jetzt, da ihr selbst betroffen seid, wollt ihr euch beschweren? Das darf, das kann doch nicht sein.

Das Bethel sieht sich als Haus Gottes offensichtlich außerstande ausreichend für seine billigen Arbeitskräfte zu sorgen, sondern geht völlig bedenkenlos den kostensparenden Weg der Entlassung nach dem Motto „der Moor hat seine Schuldigkeit getan, der Moor kann gehen“. Dann verknüpft man die Leiden, welche der Abstieg in die soziale Unsicherheit mit sich bringt, kurzerhand mit der Streitfrage und der Rechtfertigung Gottes. Für dieses Glanzstück biblischer Exegese scheint man sich kein bisschen zu schämen, denn was bedeuten diese Problemchen schon im Vergleich zu Gottes Gerichtsfall.


„Wer Jehova wirklich liebt, wird diese Schwierigkeiten ertragen wollen und müssen. Deshalb wird ein reifer Diener Gottes sich nicht beklagen und seine doch relativ kleinen Probleme nicht zu hoch hängen. Also, seid still und jammert nicht, sondern nehmt die euch zugedachte Zuteilung freudig an.“

Es ist also nicht der Schäbigkeit der Führung anzulasten, sondern dem unerfindlichen Ratschluss Gottes, dass die Betroffenen jetzt auf der Straße stehen oder ihre Zuteilung fernab ihrer gewohnten Umgebung wahrnehmen müssen. Damit will Edward Aljian jegliche Kritik an den Entscheidungsträgern der Gesellschaft von vornherein unterdrücken und sie lieber Jehova aufbürden; wer wollte schon gegen Jehova murren, wo es doch Seine ureigene göttliche Entscheidung war?


„Wir können nicht erwarten, dass wir in diesem System ein sorgenfreies Leben haben werden, wenn wir entschlossen für Jehovas Souveränität eintreten, selbst dann nicht, wenn wir im Bethel dienen.“

Mit drei Bibelberichten legt Edward Aljian der Bethelfamilie nahe, zu ihren Problemen die richtige Haltung zu finden.

Wir möchten hiervon nur einen Bibelbericht aufgreifen, den Edward Aljian der Bethelfamilie präsentiert. Es ist die Begebenheit als König David mit Bathseba Ehebruch beging und dieser ihren Mann Urija anschließend auf hinterhältige Art in den Tod geschickt hatte.  Da stellt dann Edward Aljian die hypothetische Frage in den Raum:

„Wie würde Urija nach der Auferstehung mit dieser ihm widerfahrenen Ungerechtigkeit wohl umgehen? Würde er sich unter die mächtige Hand Gottes stellen oder sich wegen der Ungerechtigkeit Davids von Jehova abwenden?

Solange man sich auf Gott beruft, kann man offenbar jedes noch so verunglückte Beispiel missbrauchen, um den Betroffen gleich vorsorglich den Mund zu stopfen und selbst berechtigte Kritik schon im Keim zu unterdrücken. Wozu die Bibel doch nicht alles zu gebrauchen ist, demonstriert Edward Aljian uns wieder einmal äußerst anschaulich mit diesen Worten:

„Wenn wir ungerecht behandelt werden oder uns ungerecht behandelt fühlen, könnten wir uns wie Urija fühlen. - Doch wir lassen nicht zu, dass uns dieses Gefühl von Jehova und seiner Organisation trennt. Denke daran, es geht nicht um dein Leben sondern um Jehovas Souveränität. Jehova wird alle Ungerechtigkeit im neuen System wieder gutmachen. Höre nicht auf ihm zu dienen. Wir bewahren unsere Lauterkeit und Treue, deshalb schätzt uns Jehova dafür.“

Ja, könnten wir ergänzen, und die Gesellschaft ist auch sehr dankbar, wenn sie sich ihrer Verantwortung mit einer einfachen Ansprache entledigen und ihre Hände damit in Unschuld waschen kann. Von welchem Vorteil doch eine geschickte Bibelauslegung sein kann!

Nachdem sich Edward Aljian über den Dienst für Gott im Allgemeinen ausgelassen hatte, kommt er nun auf die Mitarbeiter und ihren Dienst im Bethel zu sprechen:

„Wie können wir unseren Dienst im Bethel trotzt der Herausforderungen mit Freude verrichten?“

Der einfache Verkündiger mag denken, es sei das reinste Glück im Bethel zu dienen, wo unsere Publikationen und Videos doch immer nur freudige und glückliche Gesichter zeigen.

Offenbar ist das Leben im Bethel eben doch nicht immer „Friede, Freude, Eierkuchen“.

Edward Aljian berichtet erstaunlich offen über entsprechende Erfahrungen, die er zwar heiter bis belustigend vorträgt, die aber eher ernüchternd aufhorchen lassen:

„Wer noch nie unter Einsatz seines Lebens versucht hat ein paar Hamburger zu ergattern, weiß nicht, welche Probleme im Bethel zu überwinden sind.“

Oder die Aussage eines ehemaligen Betheldieners, der dem Vernehmen nach gesagt haben soll, der Dienst im Bethel sei in mancherlei Hinsicht schlimmer gewesen als der Gefängnisaufenthalt während der Nazizeit.

Hoppla, war das ernst gemeint? Sollte ein einfacher Bruder dies so gesagt haben, hätte er vermutlich Mühe sich zu erklären. Nun dient Bruder Edward Aljian vom Zweigbüro der Vereinigten Staaten freilich nicht als „einfacher Bruder“. Daher versucht er der höchst undiplomatischen Feststellung dieses Bruders den Stachel zu nehmen und biegt zurecht, wie man das zu verstehen habe.

„Das Problem sei“, so Bruder Edward Aljian, „dass die Brüder im KZ genau wussten, was Jehova von ihnen in ihrer Situation erwartete und was sie zu tun hatten.“


Im Bethel sei dies schon schwieriger, da man sich oft fragen müsse, was Jehova jetzt von einem erwarte. Eigentlich müsste es doch gerade im Hause Gottes, wo Sein Geist auf besondere Weise wirkt, keine Schwierigkeiten bereiten Gottes Willen zu erkennen und ihm nachzukommen.

Doch Bruder Edward Aljian spielt auf ein spezielles Problem an, wenn er die Frage aufwirft:

„Wie soll ich alles, was von mir erwartet wird, unter einen Hut bringen? Betheldienst, Predigtdienst, persönliches Studium, Ehe und Freizeit; egal wie man es anstellt, man hat irgendwie das Gefühl, dass dabei immer mindestens ein geistiger Aspekt zu kurz kommt.“

Ich denke, da spricht er nicht nur dem Bethelarbeitern aus dem Herzen, sondern allen Zeugen Jehovas, die ihren Glauben ernst nehmen und deshalb all ihren Verpflichtungen hinterherhecheln. Richtig, es ist genau das Hamsterrad, in dem sich jeder Zeuge Jehovas Woche um Woche und Monat für Monat abstrampelt.

Zum Ende seiner Ansprache wird Bruder Edward Aljian noch deutlicher, um endlich auf den Kern seiner Ansprache zu kommen, wenn er wiederholt von „Zuteilung“ spricht.


Er führt den Apostel Paulus an, der seine Zuteilung als Apostel für die Nationen gerne annahm, obwohl er vielleicht doch lieber den Juden gepredigt hätte. Eine unnötige Volte, um daraus eine biblische Parallele hinzubiegen, die dem Ziel seiner Ansprache dienlich sein könnte. Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Paulus in Jerusalem diese Zuteilung von einer angeblichen „leitenden Körperschaft“ erhalten hat und dazu noch lieber als Apostel für die Juden tätig gewesen wäre. Doch die Bethelredner sind äußerst wendig, wenn es um hilfreiche Manipulation geht, nach dem Motto „helf‘, was helfen mag“ oder „der Zweck heiligt die Mittel“:

„Apostel für die Nationen zu sein, war für ihn nicht weniger ehrenhaft als das Predigen unter den Juden, obwohl er dafür vielleicht besser geeignet gewesen sein mag. Er betrachtet seine Zuteilung als überragendes Vorrecht. So sei auch die Zuteilung zum Betheldienst wichtig und als heiliger Dienst zu betrachten, selbst wenn er nicht berichtet werden könne.“

Es ist nicht schwer zu erkennen, welche Personengruppe Bruder Edward Aljian dabei im Auge hat: „Ihr lieben Brüder, die ihr das Bethel verlassen müsst, betrachtet diese neue Zuteilung als ein überragendes Vorrecht. Beschwert euch nicht und jammert nicht, Paulus hatte seine Zuteilung freudig wahrgenommen, und ihr?“


Dass es da wohl einige gibt, die ihre Freude verlieren könnten, lässt sich bereits seiner Frage entnehmen: Doch wie kann ich meine Freude im Beteldienst bewahren, wenn ich möglicherweise in der Zukunft eine andere Zuteilung außerhalb des Bethels erhalte?“

Einfach unvorstellbar, welche Haken er schlägt, wenn er jetzt bis auf Adam und Eva zurückgreift:

„Sie wussten auch nicht alles im Voraus, was Jehova vorhat. Sie nahmen ihre ,Zuteilung‘ willig an, so wie Abraham und Sara auch. Jehova sagte weder Adam und Eva noch Abraham alles im Voraus, was sie zu erwarten haben. Sie dienten gemäß dem, was sie wussten in der Zuversicht, dass Jehova für sie sorgen würde. So geht Jehova nun mal vor“,

lautet dann seine lapidare Feststellung. Es mag ja richtig sein, dass Jehova so vorging. Die Gesellschaft sollte sich aber davor hüten, Jehova für ihre Zwecke zu missbrauchen und ihm die genehmen Worte in den Mund zu legen, nur um so bei ihren devoten Hörern die gewünschte Wirkung zu erzielen! Ach ja, Jehova und seine Organisation bedeuten für uns ja dasselbe, das sollten wir nie vergessen.

Zum Schluss seiner „ermunternden Ansprache“ erhebt er dann drohend den Zeigefinger und erklärt es seinen konsternierten Hörern noch einmal überdeutlich: 


„Liebe Brüder, ja es ist normal, dass ihr euch bei diesen vielen Veränderungen Sorgen um die Zukunft macht, aber diese Sorgen dürfen nicht außer Kontrolle geraten. Wir müssen Jehova zur Grundlage unserer Geborgenheit machen und ihm vertrauen. Warum? Weil jeder von uns, die wir zu den „anderen Schafen“ gehören, irgendwann entweder vor Harmagedon oder vor dem Grab steht, und dann kann uns nur Jehova retten. Also, murrt nicht rum und beschwert euch nicht, euer ewiges Leben steht auf dem Spiel.“

Auf diese penetrante Gehirnwäsche kann sich wirklich nur noch einlassen, wer sich über Jahrzehnte von ihr beeinflussen ließ. Deshalb ist auch zu erwarten, dass die meisten der Betroffenen auf Nachfrage sagen werden: "Alles ist OK, uns geht's gut, wir bereiten uns jetzt auf unsere neue Zuteilung vor“.  Keiner wird öffentlich seine Enttäuschung eingestehen - noch nicht.

 

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