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  • Thilo

„Wo alle dasselbe denken, wird wenig gedacht.“




„Wo alle dasselbe denken, wird wenig gedacht.“ (K. Valentin)

Wer kennt diese kleine Szene unter den Zeugen Jehovas nicht? Es ist Sonntag und „Bibelstudium anhand des Wachtturms“. Ein Beteiligter antwortet auf die Frage, die der Leiter aus dem Wachtturm vorliest. Die Antwort wird gelobt: „Das hast du gut erkannt. Das ist richtig!“ Und der aufmerksame Beobachter ist erstaunt und fragt sich, was der Antwortende denn „gut erkannt“ habe, da er doch die fertige Antwort aus der Zeitschrift nur vorgelesen hat. Er hat doch überhaupt keinen Beitrag im Sinne von „Erkennen“ gebracht!


Dauerinstruktion statt Freiheit des Denkens

Welch ein Jesuitentheater wird jedesmal im Wachtturm-Studium aufgeführt! Ich denke daran, dass verschiedene meiner älteren geistig wachen Brüder gebeten worden sind, keine Antworten wie bisher zu geben, weil sie einfach nur Bibelstellen zitierten. Erstaunt fragten sie, ob es denn falsch sei, die Bibel zu zitieren: „Nein“, wurde ihnen gesagt, aber gerade das „könnte einige verunsichern“.

Man will also gar nicht, dass man die Bibel sprechen lässt und selbst nachdenkt. Man soll die „kostbare geistige Speise“ einfach nur „in sich aufnehmen“. Und so geht es dann Woche für Woche weiter: Frage und Antwort werden aus der Literatur vorgelesen. Es wird dem eigenen Denken kein Platz eingeräumt, obwohl man oft davon spricht und es als notwendig ansieht, ‚um die geistige Speise ins Herz eindringen zu lassen’. Das einzige, was ‚eindringt’, sind die Phrasen, die auffallend oft wiederholt werden und mit denen man so leicht ernsthafte Gegenargumente vom Tisch wischen kann.


Die Zeugen Jehovas sprechen ja oft vom Studieren. Aber jeder, der selbst geistig rege und verantwortungsbewusst ist, erkennt schnell, dass es nur um eine Art Auswendiglernen geht. Es erinnert an eine Medresse (Koranschule), wo die Schüler, ohne ein Wort Arabisch zu können, den arabischen Koran auswendig lernen.


Studieren heißt bei den meisten Zeugen Jehovas zuerst unterstreichen. In vielen Farben wird unterstrichen. Bibeltexte werden selten im Zusammenhang gelesen, um den Sinn zu erhellen. Die Anweisung für den Studienleiter lautet eindringlich, „bitte nur die angegebenen „Liestexte“ vorlesen lassen.“

So ist eine geistige Verarmung die Folge, die man wortreich als „geistiges Paradies“ beschreibt.


Wie es einmal war

Aber wie anders liefen Zusammenkommen unter den ersten Christen ab! Da kam man zwanglos und familiär in privaten Häusern zusammen, um sich gegenseitig im Glauben zu stärken, um zur Liebe und zur Treue anzuregen. Man teilte sich einfach selbst mit, man pflegte ein echtes Miteinander und zeigte sein Herz dem anderen. Paulus schrieb dazu:

„Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden. Seid alle miteinander auf Einigkeit aus. Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein. Baut nicht auf die eigene Klugheit.“ (Rö. 12:15, 16)

Vorher ermunterte er dazu, Gastfreundschaft und Hilfe zu pflegen, sich in gegenseitiger Wertschätzung zu übertreffen und mit aufrichtiger Liebe am Guten festzuhalten. Was Paulus hier fordert, sollte für christliche Geschwister gelten, die verstanden haben, wie man sich in der Familie Gottes verhält. Das war dann nicht auf ein offizielles Treffen gemünzt, sondern auf das ganze Leben und auf jedes Zusammentreffen mit Glaubensgeschwistern. Wir ahnen, wie groß das menschliche Spektrum sein kann und wovon wir als Menschen in einer Gemeinschaft leben: Vom Mitteilen.

Da gab es kein festes Programm mit vorfabrizierten Fragen und Antworten, kein Dünnbrettbohren, keine geistige Öde, keine Langeweile. Denn wenn Menschen im Namen Jesu zusammenkommen und wissen, dass er dann in ihrer Mitte ist, dann kann es nur menschlich warm werden und geistig erbauend. Nur unter der Freiheit des Geistes kann der Geist Jesu wirksam werden. Was schrieb denn Paulus an die Korinther?

„Wenn ihr zusammenkommt, kann jeder etwas beitragen: einen Psalm, eine Lehre, eine Offenbarung, eine Rede in fremden Sprachen oder eine Deutung dazu. Alles soll dazu dienen, die Gemeinschaft aufzubauen.“ (1. Kor. 14:26)

Auch wenn es heute kein „Zungenreden“ mehr gibt oder direkte Offenbarungen aufgehört haben, bleibt doch das Grundprinzip einer Zusammenkunft von Christen bestehen: Jeder kann etwas beitragen, um andere zu stärken oder zu bereichern. Jeder kann sich selbst einbringen, sein Herz für die anderen öffnen und es spechen lassen. Aber dazu muss man selbst denken und nicht andere für sich denken lassen! Dazu muss man lebendig im Glauben sein, sich vom Geist Jesu treiben lassen, der einfach nur Liebe will. Man muss sich als Mensch mitteilen, erst dann lebt der Glaube. Man muss sich als Teil der Familie Gottes sehen und Ausdrücke wie „Bruder“ oder „Schwester“ dürfen keine formellen Anreden sein, sondern Bekenntnisse zur Familie Gottes, die von uns mit Leben erfüllt werden.


Erziehung zur Unselbständigkeit schafft Abhängigkeit

Ich habe es in 50 Jahren selten erlebt, dass jemand wirklich einer Frage nachgeht, ohne die einschlägige Literatur der WTG zu benutzen. Man suchte nicht so sehr die ehrliche Antwort der Bibel auf seine eigene Frage, sondern die Antwort der Organisation. Und wenn man nicht so ganz zufrieden war, dann ließ man es häufig damit bewenden zu sagen: „Der Wachtturm sagt, dass...“ Dann sind alle zufrieden, niemand wird beunruhigt oder nachdenklich gemacht.

Das will man ja auch so, denn man bezieht sich auf Paulus, wenn man sagt, dass alle übereinstimmend reden sollen. Ob Paulus das so verstanden wissen wollte, darf bezweifelt werden. Tatsache ist, dass die WTG das Denken, da sie es nicht abschaffen kann, doch einschränken oder unterbinden will. Das ganze Programm des „geistigen Paradieses“ ist darauf ausgerichtet, unselbständige Menschen heranzubilden, denn Unselbständigkeit zwingt zur Abhängigkeit. Die Abhängigkeit führt dazu, dass Menschen zum Spielball falscher Lehren werden, wie es in Epheser 4:13, 14 beschrieben wird:

„Am Ende sollen wir alle vereint sein im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes. Wir sollen zu vollendeten Menschen werden und reif genug, Christus in seiner ganze Fülle zu erfassen. Denn wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein – ein Spielball von Wind und Wellen im Meer zahlreicher Lehren.“

Man will Menschen an eine religiöse Organisation binden, indem man sie entmündigt und unselbständig macht. Man will das eigene Denken unterbinden, denn wer selbst denkt, hat unter Umständen auch eine eigene Meinung und ist bereit, sie auch zu vertreten.

Und da sieht man den Frieden in Gefahr? Eindringlich wird die Einheit beschworen! Einheit, Einheit über alles! Einheitslehre, Einheitsbrei und Einheitsmensch: Darauf läuft es hinaus. Aber kann es diese Art von uniformer Einheit unter Christen geben?


Der Apostel Paulus gibt die Antwort: In Römer 14:5, 6 betont er die Unterschiedlichkeit in den Auffassungen der Brüder. Darauf hat jeder sein Recht, aber dieses Recht ist noch keine Erlaubnis, den anderen wegen seiner abweichenden Meinung zu diskriminieren. Einheit, so sagt der Apostel im Brief an die Kolosser, wird allein durch das Band der Liebe bewirkt, und eben nicht durch eine uniformierte, standardisierte und dogmatisierte für alle gültige „Meinung“. Das ist dann ja keine Meinung mehr, sondern ihr genaues Gegenteil, ein Dogma.

Wenn bei allem die Bibel der Maßstab ist, dann kann es keine großen Abweichungen geben, es sei denn, man ist spitzfindig, rechthaberisch, machtgierig oder überängstlich. Da die Bibel sich selbst auslegt und das lebendige Wort unseres Vaters im Himmel ist, wird sie durch den heiligen Geist selbst im Menschen lebendig und verständlich. Christen, die sich dem Wort Gottes einfach nur ausliefern und für ihr Verständnis den Geist Gottes erbitten, können eine erfrischende, von Liebe getragene Einheit bilden, wie sie in einer Familie Gottes üblich ist! Dazu muss nicht jeder dieselbe Meinung haben, aber denselben Glauben an Gott und seinen Sohn.


„Wo der Geist Chriti ist, da ist Freiheit.“

Aber diese Freiheit kann es ja nur dort geben, wo der Geist Gottes ist (2. Kor. 3:1). Wo der Geist fehlt, wo Jesus nicht anwesend ist, da verkümmert das Christentum und verkommt zu einer Organisation, die alles beherrscht, jeden vereinnahmt, alles reglementiert und das Feuer des Geistes einfach durch eine „theokratische Gesetzgebung“ oder „Kirchenrecht“ erstickt. Dann qualmt es nur noch und der Rauch beißt in den Augen. Diesen Zustand hat man in den Versammlungen der Zeugen Jehovas erreicht.


Und dabei könnte alles so schön sein! Was wäre daran falsch, wenn man die Bibel in Gemeinschaft liest, bei einzelnen Stellen verweilt, um Assoziationen zuzulassen? Was wäre daran falsch, wenn man die einfachen, schlichten und zu Herzen gehenden Worte Jesu verinnerlicht und sich dabei gegenseitig hilft und anregt? Hat man schon einmal die Erfahrung gemacht, was der Geist Jesu alles bewirken kann, wenn man ihn einfach wirken lässt? Hat man schon erlebt, was es heißt, dass Herzen brennen? Wer das kennt, aus eigener Erfahrung kennt, der kann sich nur noch schaudernd abwenden, wenn er das erlebt, was die wöchentlichen Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas ihm zumuten.


Blockade des Denkens und Fühlens durch Propaganda-

Und die Zusammenkünfte sind ja nicht dadurch besser geworden, dass Videos verwendet werden, oder dadurch, dass die „Leitende Körperschaft“ spricht. Sie sind ja nicht besser geworden, weil psychologisch geschulte Werbefachleute für die WTG Werbevideos und Filme produzieren. Sieht man sich solche Sachen an, dann wird man gefangengenommen, der Sinn wird verriegelt, die Assoziationen werden unterbunden und das Nachdenken unmöglich gemacht, weil die rasche Szenenfolge, die vielen Schnitte und die Hintergrundmusik es nicht zulassen.

Dann wird in das Bewusstsein genau das eingebrannt, was die Macher wollen: ihre Propaganda. Da wird der Sinn mit Phrasen vollgestopft, dass kaum noch Platz bleibt für vernünftiges Denken. (Phrasen: Es ist erstaunlich, wie stark der Wortschatz und der Ausdruck der meisten Zeugen Jehovas davon geprägt worden ist!) Und wer macht sich noch hinterher Gedanken, wenn er berauscht, betrunken und beeindruckt von der schlichten Logik dieser Botschaften nach Hause geht?

Damit soll nicht gesagt werden, dass alles falsch ist, was da flimmert. Nein, die Gefahr liegt da, wo das Denken gefesselt wird, wo handliche Parolen, Schlagworte und bunte Bilder das Feld beherrschen und vorfabrizierte Antworten auf alle Fragen frei Haus geliefert werden.


- und wie es sein könnte!

Und wie anders ist es beim Lesen in der Bibel! Man kann sich soviel Zeit lassen, wie man will. Der Text läuft nicht davon. Er bleibt stehen. Ich kann ihn wieder und wieder lesen und Verbindungen zu anderen Texten herstellen. Ich kann zulassen, dass Bilder und Gefühle durch meinen Sinn ziehen, die mehr sagen können, als bloße Worte und bunte Bildchen.

Ich kann nachdenken, weil mich nichts ablenkt. Ich kann über einen Text beten, weil kein Gedudel und keine Rede mich stören. Und ich kann den Teil der Bibel lesen, der mich wirklich interessiert, der mich heute betrifft, den ich heute brauche. Ich kann nur in der Stille auf die leise Stimme Gottes hören, die mein Herz wirklich anrührt. Ich kann am geistigen Tisch mein eigener Koch und Kellner sein. Ich darf essen, was mir heute schmeckt! Und ich werde bereichert! Dafür steht Jesus ein:

„Darauf antwortete Jesus ihr: „Wer von diesem Wasser (aus dem Jakobsbrunnen) hier trinkt, bekommt wieder Durst. Aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, wird nie wieder Durst haben. Denn das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zu einer Quelle: Ihr Wasser fließt und fließt – bis ins ewige Leben.“ (Joh. 4:13, 14)

Und dann erlebe ich, wie es hell wird, wie Freude mein Herz füllt und ich glücklich bin, vertrauen und hoffen zu dürfen. Dann fühle ich mich von Gott geliebt, weil ich seine Nähe erfahre! Und welches Glück liegt darin, wenn ich es mit anderen teilen kann!


Wenn sich Gottes Geist zurückzieht

Alle älteren Zeugen Jehovas werden sich gerne an die Versammlungsbuchstudien erinnern. Inzwischen hat man sie abgeschafft. Damit hat man aber auch den letzten Gedankenaustausch unter Brüdern in einer Zusammenkunft abgeschafft. Alles dies geschah unter dem Willen der Organisation, das eigene Denken zu erwürgen. Heute gibt es nur noch Indoktrination, Kaderschulung, Instruktionsabende und – Langeweile, aber mit bunten Bildern und Musik!

Unter manchen Zeugen Jehovas wird die erkaltende Liebe der Gemeinschaft wahrgenommen. Man beklagt sich privat. Aber ist gerade dies nicht auch eine Folge der geistigen und gefühsmäßigen Verarmung, die im „geistigen Paradies“ herrscht? Man verhungert am „reichgedeckten Tisch“ des „geistigen Paradieses“? Wie ist das möglich? Wie ist es möglich, wenn es auch gute biblische Themen gibt, die behandelt werden? Aber um nicht zu verhungern, muss man sich dem Geist Gottes öffnen. Aber was ist, wenn der Geist Gottes immer mehr zum seltenen Gast in einer Zusammenkunft wird oder sich ganz verabschiedet?

Ja, dann kann man die Erfahrung leider nicht machen, von der Paulus im Brief an die Römer sprach:

Noch einmal: Das ist der Grund, weshalb ich vor dem Vater meine Knie beuge. Jede Familie im Himmel und auf der Erde erhält ihren Namen von ihm. Er soll euch so ausstatten, wie es dem reichen Schatz seiner Herrlichkeit entspricht: Durch seinen Geist soll er euch fest machen.

Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt bleiben und unerschütterlich an ihr festhalten.

Sie ist in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe zu erfassen – dazu sollt ihr befähigt werden zusammen mit allen Heiligen. Und ebenso dazu, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes, die alles erfüllt.“ (Eph. 3:14-19)

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