Wurde Jerusalem wirklich 607 v.u.Z. zerstört?

 

Jehovas Zeugen behaupten, Jerusalem sei 607 v.u.Z. zerstört worden. Historiker hingegen geben das Datum der Zerstörung 20 Jahre später an (587 v.u.Z). Was stimmt? Wer hat Recht? Und was lässt Gottes Wort erkennen? Es empfiehlt sich, vorab Jeremia, Kapitel 25 und 29 komplett zu lesen. 

Jeremia (Kap. 25) berichtet, dass er im 1. Jahr Nebukadrezars, des Königs von Babylon, beauftragt wurde, ganz Juda und Jerusalem mitzuteilen, Jehova werde Nebukadrezar „gegen dieses Land und gegen seine Bewohner und gegen all diese Nationen ringsum bringen“ und „sie der Vernichtung weihen und sie zu einem Gegenstand des Entsetzens machen“ (Jer. 25:1, 9; 46:2). Auch der Prophet Habakuk spricht davon (Hab. 1:6, 17). Dem babylonischen Aggressor würde also nicht Juda allein gegenüberstehen. Auch andere Nationen würden durch Babylon befeindet werden. Jeremia 25:11 präzisiert: „Und dieses ganze Land soll ein verwüsteter Ort werden, ein Gegenstand des Entsetzens, und diese Nationen werden dem König von Babylon siebzig Jahre dienen müssen.“ Die 70 Jahre bezieht Jeremia also auf Babylons Oberherrschaft.

Mit Jerusalem verhält es sich ähnlich wie mit Tyrus (Jer. 25:22; 47:4). Im Kommentar zu Jesaja 23:15-17 geben Jehovas Zeugen zu: „Die Inselstadt Tyrus ist Babylon … nicht volle 70 Jahre lang unterworfen … Die 70 Jahre stellen offenbar die Blütezeit der Herrschaft Babylons dar“ (ip-1

  1. 253). Auch Jerusalem war Babylon nicht volle 70 Jahre unterworfen!

Diese Tatsache und dass nicht nur Juda, sondern auch andere Nationen von der Unterwerfung betroffen wären, wollen Jehovas Zeugen verschleiern. Im Erwachet! vom Juni 2012 wird auf Seite 12 Jeremia 25:8-11 bewusst ohne den Teil „gegen all diese Nationen ringsum“ zitiert, wodurch ein unvollständiges Bild entsteht und der Blick tendenziös auf Juda fokussiert wird.

In Jeremia, Kapitel 25 – und ausführlicher in den Kapiteln 46 bis 49 – werden indes „all“ die von Babylon zu erobernden Nationen aufgeführt und in Kapitel 27 entsprechend die an sie zu überbringende Ankündigung formuliert. Der Prophezeiung Jeremias entsprechend dehnte die Weltmacht Babylon ihr Herrschaftsgebiet aus (Jer. 27:6-8; 28:14). Es ist auch auf einschlägigen Geschichtskarten dargestellt.

Jeremia sagte voraus, dass am Ende der siebzig Jahre Babylon selbst zur Verantwortung gezogen werden sollte. In Jeremia 25:12 heißt es: „,Und es soll geschehen, wenn siebzig Jahre voll sind, daß ich den König von Babylon und jene Nation zur Rechenschaft ziehen werde´, ist der Ausspruch Jehovas, ,für ihr Vergehen, ja das Land der Chaldäer, und ich will es zu wüsten Einöden machen auf unabsehbare Zeit.´“ (Siehe auch Jeremia, Kapitel 50 und 51.) Auch Habakuk sprach von einer festgesetzten, einer „bestimmten Zeit“, zu der Babylon zur Rechenschaft gezogen werden würde (Hab. 2:3, 8, 10, 16).

Jerusalem wurde von den Babyloniern in der 70-Jahr-Spanne mehrmals belagert. Und es gab  mehrere Wegführungen von Juden (2. Kö. 24 und 25; Da. 1; Jer. 32, 39 und 52).

Gemäß Jeremia, Kapitel 29 wurden bereits ins Babylonische Exil deportierte Juden von Jeremia brieflich aus Jerusalem darüber informiert, Jehova werde sie zurückbringen, „erst wenn siebzig Jahre für Babel voll sind“ (Jer. 29:1, 10; Elberfelder Studienbibel 2009, Textstand Nr. 28). Die 70 Jahre, von denen Jeremia schrieb (Jer. 25:11, 12), hatten also schon zu zählen begonnen! Jeremia teilte den Verschleppten mit, sie sollten ein normales Leben führen, Häuser bauen, heiraten, Kinder bekommen sowie den Frieden und das Wohl der Stadt fördern, in die Gott sie gebracht hatte. Warum? Nun, dies hatte mit der Tatsache zu tun, dass sie erst nach Jahrzehnten in das verheißene Land zurückkehren würden. Sie sollten keinesfalls auf die falschen Propheten hören, die ihnen voraussagten, das Exil sei nur von kurzer Dauer. Nein, erst am Ende der langen Gefangenschaft würde ein Teil des Volkes mit erneutem Glauben und neuer Sehnsucht nach Gott um Wiederherstellung – in buchstäblicher und geistiger Hinsicht – beten. Gott würde ihre Gebete erhören und sie wiederherstellen. Sie würden aus der Verbannung zurückkehren (Jer. 29:4-14).

Jehovas Zeugen verfälschen hier abermals die biblischen Aussagen. In der Studienausgabe des Wachtturms von November 2016, Seite 22, Absatz 3 schreiben sie betrügerischerweise als Kommentar zu der o.g. Textpassage: „Jehova wies die zukünftigen Exilanten durch Jeremia an, sich mit ihrer neuen Situation abzufinden und das Beste daraus zu machen. Er sagte: ,Baut Häuser [in Babylon], und bewohnt sie, und pflanzt Gärten, und esst ihren Fruchtertrag. Auch sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch ins Exil habe gehen lassen, und betet für sie zu Jehova, denn in ihrem Frieden wird sich selbst für euch Frieden finden´ (Jer. 29:5, 7).“ (Kursivschrift durch mich). Tatsache ist aber, dass hier nicht „die zukünftigen Exilanten“, sondern bereits im Babylonischen Exil lebende Juden von Jeremia aus Jerusalem angeschrieben wurden (Jer. 29:1, 4, 16). Jehova sagte ja selbst, er ,habe sie (bereits) ins Exil gehen lassen´. Mit dem Kommentar versucht man also zu vertuschen, dass die besagten 70 Jahre schon liefen, noch bevor der Tempel und Jerusalem zerstört worden waren (Jer. 25:11, 12).

Mit der Eroberung durch Cyrus 539 v.u.Z. endete dann die 70-jährige Herrschaft Babylons als Weltmacht (Jer. 27:7; Da. 5:30, 31). Daniel, der Jeremias Prophezeiung kannte, konnte nun auf eine Rückkehr von Landsleuten nach Juda hoffen (Da. 9:1, 2; Jer. 29:10-14), und hierum betete er auch.

Jehovas Zeugen entnehmen dem Bibelbericht, dass Juden aus dem Babylonischen Exil 537 v.u.Z. nach Jerusalem zurückkehrten. Dann folgern sie aber fälschlicherweise, der letzte König Judas, Zedekia, sei 70 Jahre zuvor – also im Jahre 607 v.u.Z. – abgesetzt, Jerusalem zerstört und die Juden ins Exil geführt worden. Dies, weil sie die Prophezeiung Jeremias im Hinblick auf die 70 Jahre für Babylon  fälschlicherweise auf das Ende Jerusalems anwenden, also auf die vollständige Zerstörung der Stadt. Ein gravierender, ganz grundsätzlicher Fehler! Jehovas Zeugen bauen dann auf diesem Jahr 607 v.u.Z. auf und sagen, 2520 Jahre später, nämlich im Jahr 1914, hätten die „bestimmten Zeiten der Nationen“ geendet (Luk. 21:24). Sie berufen sich hierbei auf Nebukadnezars Traum vom umgehauenen Baum und den „sieben Zeiten“ (Da. 4; Off. 11:2, 3; 12:6, 14; 4. Mo. 14:34; Hes. 4:6). Es ist nur zu offensichtlich, dass diese Berechnung von falschen Voraussetzungen ausgeht, wo sich doch die 70 Jahre eindeutig auf Babylon bezogen und ebenso die „sieben Zeiten“ nur auf den babylonischen König.

Dass angesichts des hier nur kurz zusammengefassten Bibelberichts die endgültige Zerstörung Jerusalems nicht im Jahr 607 v.u.Z. stattgefunden haben kann, deckt sich zudem mit dies-bezüglichen Aussagen von Bibelkommentatoren und Historikern, die sich u.a. auf heute noch nachprüfbare astronomische Daten, welche auf neubabylonischen Keilschrifttafeln zusammen mit öffentlichen Ereignissen dokumentiert wurden, berufen. Letztlich geben Jehovas Zeugen dies indirekt zu, indem sie in ihrer Publikation Einsichten über die Heilige Schrift, Band 2 auf Seite 326 schreiben: „Die Zerstörung Jerusalems ereignete sich 607 v.u.Z. – vom Standpunkt biblischer Prophezeiungen aus ein sehr bedeutsames Jahr. Obwohl dieses Datum von den Angaben vieler Bibelkommentatoren abweicht, wird es in diesem Werk durchweg verwendet. Warum? Weil dem Zeugnis der Bibel größeres Gewicht beigemessen wird als den Schlußfolgerungen, die Gelehrte aus dem lückenhaften Geschichtsbericht ziehen, der in Form von Keilschrifttafeln zur Verfügung steht.“

Doch der Leser wird schnell erkennen, dass Jehovas Zeugen – sich selbst als besser wissende Bibelgelehrte gebärdend – das Zeugnis der Bibel trotzig außer acht lassen, sich anmaßend darüber hinwegsetzen und ihm ganz und gar nicht das gebührende Gewicht beimessen. Sie nutzen ihre bekannte Masche, einfach zu behaupten, dass sie sich auf die Bibel stützen, obwohl sie sich entgegengesetzt verhalten.

Es sei hier nur angemerkt, dass Jehovas Zeugen zudem durch Manipulation der geschichtlichen Daten von Regierungszeiten jüdischer und babylonischer Herrscher die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch Nebukadnezar auf das Jahr 607 v.u.Z. festzulegen versuchen. Solche Manipulationen disqualifizieren Jehovas Zeugen, woran auch Argumentationen wie in den Wachtturm-Ausgaben vom 1.10.11 S. 26-31 und 1.11.11 S. 22-28 nichts ändern.

Das Jahr 607 v.u.Z. (und folglich 1914 u.Z.) hat somit ganz klar für die biblische Prophetie keine Relevanz. Damit stürzt aber auch das fragile Lehrgebäude von Jehovas Zeugen, das zu großen Teilen auf diesen beiden Daten ruht, zusammen. Weiteren Sonderlehren, die auf dem für sie so entscheidenden Jahr 1914 aufbauen, und Jahresangaben, die dabei ein Rolle spielen, wie 1918 und 1919, fehlt biblisch gesehen die Grundlage.

Fazit:

Dadurch dass Jehovas Zeugen für die endgültige Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier das Jahr 607 v.u.Z. postulieren, vergewaltigen sie den Bibelbericht und setzen sich über die Historie hinweg.

 

Dringende Literaturempfehlung zum vertiefenden Studium:

Carl Olof Jonsson, Die Zeiten der Nationen näher betrachtet, 4. Aufl., 2008, ISBN 3-00-023952-6

 

Dringende Literaturempfehlung zum vertiefenden Studium:
Carl Olof Jonsson, Die Zeiten der Nationen näher betrachtet, 4. Aufl., 2008, ISBN 3-00-023952-6

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3 Kommentare zu “Wurde Jerusalem wirklich 607 v.u.Z. zerstört?

  1. Jesu kleiner Bruder

    Um an der Macht zu bleiben, müssen die Machthaber der Z. J. 1. die Wahrheit verstecken können und 2. müssen sie wissen, wie man täuscht und lügt. Beides beherrschen sie in Bezug auf die 607-Lehre bis zur Perfektion. Das erklärt, warum mehrere Millionen Z.J. noch keinen Verdacht in Bezug auf 607 geschöpft haben. Doch eines sollte unbedingt erkannt werden: 607 ist die Zentral-Irrlehre der Z.J., denn auf ihr bauen viele weitere Lehren auf. Deshalb ist es für jeden Betroffenen ein Muss, sich Klarheit darüber zu verschaffen. Ich empfehle wärmstens jedem das in dem Artikel genannte Buch Die Zeiten der Nationen näher betrachtet. Autor: Carl Olof Jonsson.

    Alle, denen ich dieses Buch zum Lesen gegeben habe, haben danach die Organisation der Z.J. verlassen!

  2. ManfredF

    Vielleicht als Ergänzung

    2. Könige 25
    8 Und am siebten Tag des fünften Monats — das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel — kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, der Diener des Königs von Babel, nach Jerusalem,
    9 und er verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des Königs und alle Häuser von Jerusalem, ja, alle großen Häuser verbrannte er mit Feuer.

    Laut Wiki gab es folgende Könige

    Nabû-kudurrī-uṣur I.
    war ein babylonischer König und regierte um 1126 bis 1104 v. Chr.

    Dieser König war nicht damit gemeint.
    Nabû-kudurrī-uṣur II.
    um 640 v. Chr.; † 562 v. Chr.) war von 605 bis 562 v. Chr. neubabylonischer König.

    Dies ist der König, der in der Bibel erwähnt wird. Wenn er 605 v. Christus auf den Thron gestiegen ist und im 19. Jahr seiner Regierung Jerusalem zerstört hat, dann war das (605-19) 586 v. Christus.

    Damit beweist die Bibel, dass Jerusalem 586 zerstört wurde und nicht 607.

    Wenn man dann noch liest:

    Dan 9,2 im ersten Jahr seiner Königsherrschaft achtete ich, Daniel, in den Bücherrollen auf die Zahl der Jahre, über die das Wort des HERRN zum Propheten Jeremia geschehen war, dass nämlich siebzig Jahre über den Trümmern Jerusalems dahingehen sollten.

    und man rechnet dann von 586 . Chr. 70 Jahre weiter kommen wir zu 516 v. Christus.

    Was sagt WIKI über die Wiederherstellung des Tempels:

    Unter dem Jerusalemer Tempel (hebräisch בֵּית־הַמִּקְדָּשׁ Bet HaMikdasch) versteht man zum einen den Tempel Salomos, welcher Anfang des 6. Jh. v. Chr. durch die Babylonier zerstört wurde, zum anderen den sogenannten zweiten Tempel (vollendet 515 v. Chr.) bis zu seiner Zerstörung 70 n. Chr. durch die Römer.

    Der Tempel wurde 515 vollendet, also wieder hergestellt Rund 70 Jahre.

    Wie man sieht hat die Bibel recht und stimmt mit den geschichtlichen Fakten überein. Mit zwei Bibelversen und gesicherten Daten bzgl. der Herrschaft von Königen wiederlegt man die Berechnung der ZJ

    1. Lichtspender

      Im Artikel hieß es:

      Mit der Eroberung durch Cyrus 539 v.u.Z. endete dann die 70-jährige Herrschaft Babylons als Weltmacht (Jer. 27:7; Da. 5:30, 31). Daniel, der Jeremias Prophezeiung kannte, konnte nun auf eine Rückkehr von Landsleuten nach Juda hoffen (Da. 9:1, 2; Jer. 29:10-14), und hierum betete er auch.

      Jehovas Zeugen entnehmen dem Bibelbericht, dass Juden aus dem Babylonischen Exil 537 v.u.Z. nach Jerusalem zurückkehrten. Dann folgern sie aber fälschlicherweise, der letzte König Judas, Zedekia, sei 70 Jahre zuvor – also im Jahre 607 v.u.Z. – abgesetzt, Jerusalem zerstört und die Juden ins Exil geführt worden. Dies, weil sie die Prophezeiung Jeremias im Hinblick auf die 70 Jahre für Babylon  fälschlicherweise auf das Ende Jerusalems anwenden, also auf die vollständige Zerstörung der Stadt. Ein gravierender, ganz grundsätzlicher Fehler!

      Lieber ManfredF,

      jetzt muss man aber auch selber aufpassen, dass man nicht denselben Fehler der Zeugen macht -- und zwar in die andere Richtung. Dass man also jetzt nicht 70 Jahre zurückrechnet, sondern 70 Jahre weiterrechnet: Dann würde man das, was Daniel aus der Prophezeiung Jeremias ableitete ebenfalls gründlich missverstehen.

      Die "70 Jahre" dürfen einzig und allein auf Babylon bezogen werden. Freilich hat das alles auch Auswirkungen auf Jerusalem gehabt, aber indirekt -- nicht direkt. Und man muss es aus der Sicht Jeremias sehen. Denn auch Daniel sah und verstand es aus der Sicht Jeremias. In Daniels Tagen endeten diese "70 Jahre", sie begannen also nicht. Das muss verstanden werden.

       

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