Liebst du mich mehr als diese?

Der Wachtturm-Studienartikel vom Mai 2017, mit dem Artikel: „Liebst du mich mehr als diese?“    enthielt mal wieder ein besonders krasses Beispiel, für die eigenmächtige und eigenzweckdienliche Bibelauslegung der WTG, im Sinne ihres angeblichen „Predigtauftrags“.

Zitat. Abs. 2: „… Jesus wandte sich Simon Petrus zu und fragte: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“ Was meinte Jesus damit? …. Offensichtlich fragte ihn Jesus also, wofür sein Herz wirklich schlug. Hing Petrus mehr an Fischen und der Fischerei als an Jesus und den Dingen, die er lehrte? Petrus antwortete: „Herr, du weißt, dass ich Zuneigung zu dir habe“ (Joh. 21:15). Das hatte Petrus nicht nur so dahingesagt. Aus Liebe zu Christus setzte er sich von da an im Werk des Jüngermachens ein.“

Was mir auffällt ist wieder die Redewendung: „Offensichtlich fragte ihn Jesus, wofür sein Herz wirklich schlug“. Immer wenn die WTG „offensichtlich“ benutzt, werde ich misstrauisch. Beschäftigte Jesus wirklich die Frage, ob das Herz des  Petrus mehr an Fischen und der Fischerei hing, als an ihm und den Dingen, die er lehrte?

Jesus wusste, dass Petrus mit Herz und Seele das Fischereihandwerk ausübte und dass es für ihn und seine Familie die Lebensgrundlage bildete. Es ist absurd  anzunehmen, dass Jesus diese Tätigkeit des Petrus als Konkurrenz zu seiner Liebe ihm gegenüber betrachtete. Auch anhand der gesamten Gesprächssituation ist ersichtlich, dass Jesus mit dieser Frage ein ganz anderes Thema ansprach. Der Bericht beginnt mit der Feststellung: „Als sie nun gefrühstückt hatten, sprach Jesus zu Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?““

Sie hatten also bereits gefrühstückt!

Was bedeutet das? Die gegrillten Fische waren jetzt aus ihrem Blickfeld. Es spricht also vieles dafür, dass Jesus sich nicht auf die Fische bezog, sondern auf die anderen Jünger, als er von „diese“ sprach, auch wenn dies von einigen Bibelgelehrten anders gedeutet wird.

Man muss sich hier vor Augen halten, dass die anderen Jünger, wie Petrus, fest und sicher behauptet hatten, Jesus nicht zu verlassen. Und dann waren sie doch geflohen, als man ihn im Garten Gethsemane gefangennahm. Nur Petrus blieb in seiner Nähe. Jesus Christus gab ihm durch dieses Gespräch einen liebevollen Wink, weil er ganz genau wusste, wie sehr Petrus seinen Herrn immer noch liebte. Mit der dreimaligen Frage eröffnete er ihm die Chance einer gewissen Wiedergutmachung, nachdem dieser ihn zuvor dreimal verleugnet hatte. Petrus hatte zutiefst bereut und Christus hatte ihm daraufhin gern vergeben.

Warum beschäftigen wir uns aber so detailliert mit dieser Textpassage und dieser Auslegung des Studien-Wachtturms?

Worum es der WTG in Wirklichkeit geht

wird gleich im folgenden Absatz deutlich gesagt,

Zitat: „Was können wir tun, damit der Auftrag Jesu auch das Wichtigste bleibt? Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit zu fragen: „Woran hängt mein Herz wirklich? Finde ich mehr Freude an weltlichen Dingen als am Dienst für Gott?“ Sehen wir uns dazu drei Bereiche an, durch die unsere Liebe zu Christus und zu geistigen Dingen geschwächt werden könnte, wenn wir ihnen einen unangemessenen Stellenwert beimessen würden: Berufstätigkeit, Freizeit und materielle Dinge.“ 

Die nun folgende und uns allen sattsam bekannte und mittlerweile todlangweilig gewordene Agitation, gegen die „böse weltliche Arbeit, Freizeit und Entspannung“, sowie gegen den „bösen Materialismus“, beruht in der Folge auf einer Falschauslegung von Joh. 21:15-17.

Zum besseren Verständnis möchte ich hier zwei Fragen, bezüglich dieser bibelverdrehenden Eisegese, stellen:

Erstens: Hatte Jesu Frage an Petrus einen „Predigtauftrag“ zum Ziel?

Und zweitens: Was wollte Jesus wirklich wissen, als er die Frage stellte: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese?“

Zu Frage eins: Die dreimalige Antwort Jesu:“Weide meine Lämmer“, hat nicht im Geringsten irgendetwas mit dem Missionsauftrag gemäß Mat. 24:14 zu tun.

Fragen wir uns: Wer sind hier die Lämmer und Schafe, die Petrus hüten sollte? JW.Org will uns allen Ernstes glauben machen, es handele sich um die Menschen in unserem Gebiet, denen wir predigen müssen. Aber Jesus sprach vom Hüten und Weiden seiner Schafe — nicht vom Einsammeln.

Es bedarf deshalb keines Diploms in Theologie, um zu wissen, dass diese Aussage falsch ist. Apg. 20:28: „Habt acht … auf DIE GANZE HERDE, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, DIE GEMEINDE GOTTES zu hüten, DIE ER SICH ERWORBEN HAT durch das Blut seines eigenen Sohnes.“

Durch die Behauptung: „… aus Liebe zu Christus setzte er sich von da an IM WERK DES JÜNGERMACHENS ein …“, soll die heilige Kuh des Predigtdienstes eigenzweckdienlich begründet werden. Doch bei der dreimaligen Aufforderung Jesu „Hüte meine Schafe“, geht es um das Hüten der Gemeindemitglieder, um die  Menschen, die sich schon in der Christenversammlung befinden und damit schon seine Schafe sind und nicht um die Menschen, die die WTG, im sogenannten Predigtdienst, versucht zur Organisation zu führen.

Zu Frage zwei: Die Frage Jesu an Petrus auf die FISCHE und das FISCHEREIHANDWERK anzuwenden, ist nur dem Ziel der WTG geschuldet, mehr Eifer und Einsatz von ihren Schäfchen zu fordern. Aber diese Auslegung macht im Kontext keinen Sinn und passt auch nicht zu seinen nachfolgenden Fragen.

Was Jesus wirklich meinte, hatte schon Luther vor 500 Jahren richtig übersetzt: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr denn diese?“ Hier noch einige weitere Übersetzungen, die diese Worte Jesu im richtigen Zusammenhang wiedergeben:

„Nachdem sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich mehr, als die hier mich lieben?« Petrus antwortete: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.« Jesus sagte zu ihm: »Sorge für meine Lämmer!«“ Hfa 

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben?“ Luth 2017

„Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier?“ NG 

„Liebst du mich mehr als diese“, ist zwar eine wörtliche und korrekte Übersetzung und nicht verkehrt. Aber die Anwendung ist verdreht. Jesus wollte von Petrus wissen, ob seine Liebe zu IHM größer ist, als zu den anderen Anwesenden oder auch, ob er eine größere Liebe zu IHM hat, als die anderen Anwesenden. Alles andere ergibt keinen Sinn.

Petrus dient als Vorbild für alle Hirten der Herde Christi

Als dieser Artikel in unserer Versammlung betrachtet wurde wartete ich auf irgendeinen Hinweis von den sogenannten Ältesten, dass sie verstanden hatten und irgendwie zum Ausdruck brachten, dass Jesus Petrus als Hirten einsetzte und ihn so an seine zukünftige Hirtentätigkeit heranführte.

„Liebst du mich wirklich?“ Diese Frage sollten sich eigentlich auch unsere heutigen Hirten ernsthaft stellen. Lieben sie Jesus mehr als den Sklaven? Leider gibt es solche Hirten in unseren Versammlungen immer weniger, weil man sie aus der Organisation entfernt.

Die meisten unserer Hirten sind mehr oder weniger nur noch Erfüllungsgehilfen der WTG-Organisation und keine Hirten, die aus Liebe zu Christus die Herde hüten. Viele erinnern mich mehr an Wachhunde, die peinlichst darauf achten, dass keines der Schafe die Organisation in Frage stellt und durch kritische Fragen Unruhe stiftet. Sie marschieren mit WTG-Anweisungen gefüllten Aktenkoffern unter dem Arm an und beobachten mit geübtem Kontrollblick, ob auch ja niemand aus der Reihe tanzt. Es gibt Versammlungen, in denen der Koordinator der Ältestenschaft den Vortragsredner von auswärts überprüft, ob er sich auch an das vorgegebene Manuskript des Sklaven hält. Zu oft ist es schon passiert, dass ein Ältester der Lehre des Christus Vorrang gab und nicht der Lehre des Sklaven.

Christus wird nur gebraucht, um die angeblich von ihm verliehene Macht und Autorität zu begründen und Gehorsam einzufordern. Die Zustände der WTG-Herde in den Versammlungen zeigen, dass hier gewaltig etwas nicht stimmt.

Woran sollten wir die Tiefe unserer Liebe zu Christus messen?

Diese Frage wird im besagtem WT-Artikel gestellt. Hier zeigt sich wieder einmal, dass es nur um Leistung geht: messen und vergleichen. Die Antwort wird, wie schon erwähnt, auf drei altbekannte Bereiche reduziert.

Zitat: „Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit zu fragen: „Woran hängt mein Herz wirklich? Finde ich mehr Freude an weltlichen Dingen als am Dienst für Gott?“ Sehen wir uns dazu drei Bereiche an, Berufstätigkeit, Freizeit und materielle Dinge“.

Abs. 5 spricht die Verantwortung an, die „Familienoberhäupter“ (ein typischer WTG- Ausdruck, den gewöhnlich spricht man vom Familienvater) – gemäß der Bibel haben sollten.

Zitat: „Petrus war sich seiner biblischen Verantwortung bewusst, materiell für die Familie zu sorgen Das erfordert große Anstrengung. Dennoch setzte er sich voll für die Belange Christi ein“. Hier lautet die Botschaft eindeutig: „Ihr Familienoberhäupter! Nehmt euch ein Beispiel an Petrus“.

„Auf dem Arbeitsmarkt herrscht ein harter Wettbewerb“. Ja, das ist richtig. Doch sieht es in der Organisation Gottes besser aus? Der Leistungsdruck durch die Organisation addiert sich für die Schafe und das „Zeugen-Familienoberhaupt“ noch zusätzlich oben drauf.

„Viele Arbeitnehmer fühlen sich gezwungen, Überstunden zu machen; manchmal für weniger Lohn“.

Ja, auch das ist fast richtig, denn nein, sie fühlen sich nicht gezwungen, sie sind oft schlichtweg gezwungen, Überstunden zu machen, um mit ihrer Familie  einigermaßen überleben zu können.

„Auch der ständige Leistungsdruck fordert einen hohen Tribut — körperlich, mental und emotional. Wer nicht zu solchen Opfern bereit ist, riskiert seinen Arbeitsplatz“.

Auch das ist in vielen Bereichen nicht abzustreiten. Aber dem steht die WTG in nichts nach und fordert im Namen Jehovas noch mehr Leistung. Denn auch der ständige Leistungsdruck in der WTG fordert einen hohen Tribut — körperlich, mental und emotional. Wer nicht zu solchen Opfern bereit ist, riskiert als „schwacher Bruder“ eingestuft zu werden und man stellt seine Anerkennung vor Gott und sein ewiges Leben in Frage.

Resümee

Wozu soll dieser Artikel nützlich sein? Die Antwort wurde uns ja schon im Absatz 4 gegeben. Es werden mal wieder die drei Lebensbereiche — Arbeit, Erholung und Materialismus — die angeblich unsere Liebe zum Christus schwächen könnten, thematisiert.

Solche Artikel nenne ich „Erinnerungsartikel“. Ja, wir alle haben es nötig, von Zeit zu Zeit an die wichtigen Dinge erinnert zu werden. Allerdings benötigen wir keine ständigen Wiederholungen von WTG-Phrasen, die sich in unser Denkvermögen einbrennen sollen, sondern wirkliche spirituelle Auseinandersetzung mit tiefgehenden biblischen Wahrheiten, Ermunterungen und bereicherndes geistiges Wachstum.

Also etwas völlig anderes, als das, was der Sklave uns hier unter dem Thema „Liebst du den Christus wirklich?“ präsentiert.

Absatz 9 fragt:

„Um herauszufinden, ob unsere beruflichen Verpflichtungen und unsere Verantwortung als Christ im richtigen Verhältnis stehen, sollten wir uns fragen: „Finde ich meinen Beruf interessant und aufregend, theokratische Tätigkeiten aber eintönig und monoton?“ Die Antwort zeigt, wofür unser Herz wirklich schlägt.“

Was für eine manipulative Frage! Jeder Zeuge, der für sich feststellt, dass er seinen Beruf interessant und aufregend findet, sich aber mit theokratischen Tätigkeiten schwer tut, wird mit einem schlechten Gewissen die Zusammenkunft verlassen. Statt geistig erfrischt und aufgebaut, geht er niedergeschlagen nachhause.

Ich besuche die Zusammenkünfte schon seit meiner Kindheit und bin jetzt über 70 Jahre alt. Es gab eine Zeit, als das „Wachtturmstudium“ noch interessant war. Wir haben viel Zeit damit verbracht, die Schrift zu studieren. Aber das alles änderte sich mit der Einführung des „Studienwachtturms“. Es gibt fast nur noch sogenannte „Erinnerungsartikel“, wie diesen.

Es ist also kein Wunder, dass sich das Programm ständig wiederholt und langweilig geworden ist.

Da alles, worüber wir heute belehrt werden, durch die immer gleichen und engen Parameter definiert ist, hört man immer wieder die gleichen Gespräche und liest immer die gleichen, wenn auch etwas anders aufbereiteten Wachtturmartikel. Geistiges Studium kann so spannend und belebend sein. Aber wo Dogmatismus und Unfreiheit herrscht, macht sich Starre und Langeweile breit.

Was in unserem Leben als Zeuge Jehovas Priorität zu haben hat, bringt der letzte Absatz noch einmal auf den Punkt, Zitat:

„Jesus fragte Petrus: „Liebst du mich mehr als diese?“, und erinnerte ihn so daran, wie wichtig es ist, geistigen Dingen im Leben Priorität zu geben …

Wir sind genauso felsenfest entschlossen, unsere Liebe zu Christus nicht abkühlen zu lassen und räumen der Arbeit, der Freizeit und materiellen Dingen den richtigen Platz ein. Zeigen wir durch unsere Entscheidungen, dass wir die Gefühle von Petrus teilen, der zu Jesus sagte: „Herr,

Mag ich nicht (6)

99 Kommentare zu “Liebst du mich mehr als diese?

  1. Johnny

    Hab hier einen interessanten Kommentar eines Psychologen (auf Englisch) zum Thema "love bombing" gefunden. In dem Artikel geht es um love bombing beim Kennenlernen eines neuen Partners, also kein religiöses Thema. Allerdings lassen sich die beschriebenen zugundeliegenden Psycho-Mechanismen auch auf Zeugen Jehovas anwenden:

    This fast and intense attention doesn’t allow the “victim” to know whether they are being manipulated or if the other person is actually being genuine. In fact, rather quickly the victim becomes “co-dependent on the predator, who is often a narcissist or sociopath.” However, once the victim shows even a hint of not prioritizing the relationship, the predator usually reveals their true self.

     

    If extravagant displays of affection continue indefinitely if actions match words, and there is no devaluation phase, then it’s probably not love bombing. If there’s an abrupt shift in the type of attention, from affectionate and loving to controlling and angry, with the pursuing partner making unreasonable demands, that’s a red flag.

     

    The bottom line? Relationships take time and trust to grow. And the healthiest ones grow slowly. If someone is attempting to monopolize your life and keep you from your friends and family, if they routinely run hot and cold, if they are arrogant and lack empathy - move on.

  2. Ulla

    Hallo lieber Sailor,

    ja, wenn man sich mit allen möglichen "christlichen" Richtungen befaßt, kann man ins Schwanken kommen. Jeder beansprucht für sich, die WAHRHEIT gefunden zu haben.

    Vielleicht verstehen wir einiges noch nicht so, wie es sein sollte, weil unsere Gedanken nicht die Gedanken unseres Schöpfers sind...

    Aber ich hoffe doch und bete für dich, dass die "HAUPTMELODIE" in deinem "HINTERKOPF" dein Glaube an Jesus Christus ist. Mit Christus verbunden, können wir die Worte des Paulus besser verstehen, er schreibt warnend in Kol. 2:8-10:

    "Fallt nicht auf WELTANSCHAUUNGEN und HIRNGESPINSTE herein. All das haben sich Menschen ausgedacht. Aber hinter ihren Gedanken stehen dunkle Mächte und nicht Christus. NUR IN CHRISTUS ist GOTT wirklich zu finden, denn in ihm lebt er in seiner ganzen Fülle."

    Wenn du dir diese Hauptmelodie im hintersten Stübchen deines Hinterkopfes erhalten hast können, bist du doch wirklich auf einem guten Weg.

    Sei lieb gegrüßt

    Ulla

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