Durch einen Gemeinschaftsentzug „dem Satan übergeben“?

Durch einen Gemeinschaftsentzug „dem Satan übergeben“? (1.Tim 1:20)

Die nachfolgenden Gedanken sind eine Zusammenfassung aus dem Aufsatz von Frank Bruder „Das Kontakt- u. Grußverbot bei Zeugen Jehovas nach einem Gemeinschaftsentzug“

Nach einem Gemeinschaftsentzug wird ein Zeuge Jehovas von seinen ehemaligen Mitbrüdern als jemand betrachtet, der dem „Satan übergeben wurde“ und deshalb von nun an „zur bösen Welt Satans“ gehört; siehe Der
Wachtturm vom 15. Juli 2008, S. 26-27 mit Verweis auf 1.Joh. 5:19, wo es heißt: „Wir wissen, daß wir von Gott stammen, aber die ganze Welt liegt in der [Macht] dessen, der böse ist“.

Um jedoch herauszufinden, inwiefern ein Ausgeschlossener „zur bösen Welt Satans“ gehört, muss diese Stelle vor dem Hintergrund von 1.Kor 5:5 und 1.Tim 1:20, betrachtet werden; dort lesen wir: „[…] einen solchen Menschen zur Vernichtung des Fleisches dem Satan übergebt, damit der Geist am Tag des Herrn gerettet werde (1.Kor 5:5).


„Zu diesen gehören Hymenäụs und Alexander, und ich habe sie dem Satan übergeben, damit sie durch Züchtigung gelehrt werden, nicht zu lästern“ (1.Tim 1:20).

In 1.Kor 5:5 geht es um den Mann, der aus der korinthischen Gemeinde wegen Blutschande
(porneía) dem Satan übergeben wird. In 1.Tim 1:20 hat Paulus einige Gemeindemitglieder „dem Satan übergeben“, weil sie „lästern“. Das Lästern richtete sich dabei gegen Jesus Christus und möglicherweise auch gegen Gemeindemitglieder, die ihn bekennen, denn in 1.Tim 1:13 spricht Paulus davon, dass auch er als Lästerer bezeichnet wurde und versucht hatte, unter Drohung andere zum Widerruf gegen Christus zu veranlassen (Apg. 26:9-11).

Das Verb „lästern“ ist die Wiedergabe des griechischen Verbs blasphēmeō, wovon
sich
das eingedeutschte Substantiv „Blasphemie“ für Gotteslästerung ableitet, die sich auch gegen Christus richten kann. Paulus greift also diesen Tatbestand des Lästerns in 1.Tim 1:20 wieder auf und schlägt damit die Brücke zum dreizehnten Vers.

„Zur bösen Welt Satans“ gehört also ein Ausgeschlossener oder Gebannter, der ein Blutschänder (1.Ko 5: 5) oder ein Gotteslästerer (1.Tim 1: 20) ist.

Wenn die Wachtturm-Gesellschaft die Meinung vertritt, dass ein Ausgeschlossener oder Gebannter zur Züchtigung dem Satan übergeben werden müsse, dann missbraucht sie die einschlägigen Textstellen, indem sie dem Beschuldigten Gründe unterstellt, die nicht wirklich zutreffen. Dennoch fühlt man sich ermächtigt auf dieser unhaltbaren Grundlage mit dem Bann-Urteil den Ausschluss zu verhängen.

Wenn beispielsweise ein Ausgeschlossener zu einer anderen christlichen Kirche übertritt, kann er schon aus biblischer Sicht nicht als jemand betrachtet werden, der „dem Satan übergeben“ wurde und dadurch „zur bösen Welt Satans“ gehört, da der Grund des Banns weder Blutschande noch Gotteslästerung ist.

Jemanden dem Satan zu übergeben, hatte auch nicht die ewige Verdammnis zur Folge, denn diese Maßnahme sollte bewirken, dass „der Geist am Tag des Herrn gerettet werde“ (1.Kor. 5:5) bzw. damit ein Lästerer „durch Züchtigung gelehrt werde, nicht zu lästern“ (1.Tim 1,20).

Somit gehören Ausgeschlossene auch nicht in diese Kategorie. Erfahrungsgemäß liegen Blutschande und Gotteslästerung bei Ausgeschlossenen so gut wie nie vor.

Wir dürfen also den Schluss ziehen, dass bei uns Zeugen Jehovas der Gemeinschaftsentzug missbraucht wird, indem Begründungen ohne biblische Grundlage angeführt werden. Die Maßnahme des Gemeinschaftsentzugs soll den abgeirrten Bruder doch wieder zur Besinnung und Reue führen. Leider gilt dabei das vorrangige Interesse nicht dem kostbaren Glied der Versammlung selbst, eher fürchtet man um Glanz, Ehre und eine falsch interpretierte Reinerhaltung der „Organisation“ und des Gottesnamens „Jehova“.

Damit dient das Motiv für diese Form der Gemeindezucht vielmehr dem Image der Zeugen Jehovas, sich nach außen weiterhin als die untadeligste und reinste aller Kirchen präsentieren und sich über andere Christen erheben zu können.

Das ist eine der Grundlagen ihres Wahrheitsanspruchs. Bei der Kirchenzucht, die sie praktizieren, geht es vor allen Dingen um Absolutheitsansprüche und um eine Identität, um sich damit vor anderen Kirchen brüsten zu können.

Die Organisation der Zeugen Jehovas praktiziert das Gruß- und Kontaktverbot auch bei austrittswilligen Mitgliedern, die die Lehren der Organisation mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren können. Es wäre sicher falsch ihnen vorwerfen zu wollen, nicht mehr in der „Lehre Christi“ zu sein. In Wirklichkeit haben sie einfach nur festgestellt, dass viele ihrer Lehren nicht mit der Bibel oder der wahren „Lehre Christi“ übereinstimmen. Sie lassen sich daher weder dem „bösen Menschen“ aus

1. Ko 5:13 zuordnen noch solchen, die „nicht in der Lehre des Christus“ geblieben sind. (2.Joh 9).

Damit missbraucht die Wachtturm-Organisation die Regelung der Kirchendisziplin, wie Paulus sie anwandte, indem sie auch jenseits des Versammlungslebens Einfluss auf den privaten Umgang der Mitglieder mit ausgetretenen Glaubensbrüdern nimmt. Im NT fehlt hierfür jede Stütze.

Wie gesagt, steht hier nicht der Mensch im Vordergrund, sondern die „Reinerhaltung der Organisation“ die man mit dem Namen Gottes „Jehova“ verknüpft hat.

Jede Sünde und jedes Fehlverhalten wird gleichgesetzt mit der Entheiligung des Namens Gottes.

Wenn denn die Reinerhaltung des Namens Gottes bei uns tatsächlich einen solch hohen Stellenwert haben sollte, dann wäre es besser, ihn gar nicht auszusprechen, so wie es die Juden praktizierten. Aus Furcht, den Namen Gottes zu entehren, hatten sie ihn nur ganz selten ausgesprochen.

Zunächst einmal ist die Aussprache ohnehin fragwürdig. Des Weiteren missbrauchen wir den Gottesnamen, wenn wir behaupten, nur „Jehovas Zeugen“ seien wahre Christen, und Gottes Organisation auf Erden sei die „Wachtturm-Organisation“. Auf diese Weise gerät der Gottesname „Jehova“ gleichsam zu einer „Corporate Identity“ der Zeugen.

Hätte die geistige Führung der „Organisation Jehovas“ wirklich Ehrfurcht und Respekt vor dem Namen Gottes, würden sie nicht behaupten in seinem Namen zu sprechen, denn keine Religionsgemeinschaft hat mehr Schmach auf den Namen Gottes gebracht als Jehovas Zeugen. Neben der Verbreitung zahlreicher unhaltbarer Endzeitdaten lässt sich ihr schlechtes Image auch auf den lieblosen, pharisäerhaften Umgang mit Sündern zurückführen.

Die oft menschenverachtenden Bibelauslegungen, die nichts mit dem Geist Christi zu tun haben, sind mitverantwortlich dafür, dass der Name „Jehova“ von den Menschen negativ wahrgenommen wird.

Deshalb muss hier erneut gefragt werden, wer denn in Wahrheit den Namen Gottes in den Schmutz zieht. Ein derart überheblicher Glaube verunglimpft in der Tat den Namen Gottes, sodass es ein Hohn ist zu behaupten, durch den Gemeinschaftsentzug werde der Beschmutzung des Namens „Jehova“ vorgebeugt.

So dienen diese Resultate insgesamt viel mehr den Absichten des Widersachers als den wirklichen Königreichsinteressen und der Errettung von Menschenleben.

Wer sind die wirklich „Abtrünnigen“?

Im NT werden Abtrünnige nur in Verbindung mit Irrlehrern und Antichristen in Verbindung gebracht. Aber nichts ist über Gemeindemitglieder zu lesen, die aus Unglauben oder Zweifel an der Richtigkeit der Lehre Christi die Gemeinschaft verlassen wollten. Einige sind zwar im Glauben schwach geworden, sie werden aber nicht verurteilt. Paulus erwägt nicht einmal mögliche Konsequenzen daraus.

Die Organisation der Zeugen Jehovas tut sich damit schwer, eine biblische Grundlage dafür zu finden, Austrittswillige oder Zweifler zu ächten. Deshalb versucht man ihre Motive in den Wachtturm-Schriften so zu konstruieren, dass sie wieder ins Bild neutestamentlicher Abtrünniger passen. Und so unterstellen sie in ihren Schriften ausgetretenen oder ausgeschlossenen Mitgliedern ungerechtfertigte Beweggründe, um ihre Praxis des Gemeinschaftsentzugs mit der Gemeindezucht des Apostels Paulus in Einklang bringen zu können.

Mitglieder gelten bereits dann als abtrünnig, wenn sie die Wachtturmlehre ablehnen. Den Führern geht es nämlich vordergründig nicht wirklich um die Lehre Christi, von der Johannes sprach, sondern um die Lehren der Organisation, die sie damit verschmelzen wollen.

Was verstehen Zeugen Jehovas unter „Abtrünnigkeit“?

Im bereits zitierten Wachtturm vom 15. Juli 2011 wird auf der Seite 15 in einer Fußnote erklärt: „Mit „Abtrünnigkeit“ ist gemeint, dass man sich von der wahren Anbetung distanziert, davon abfällt, sie vollständig aufgibt und dagegen rebelliert“.

Zeugen Jehovas erheben den Anspruch, dass nur sie die „wahre Anbetung“ praktizieren. Zieht sich also ein Zeuge Jehovas von der „wahren Anbetung“, d. h. der „Organisation Jehovas“, zurück, wird er so betrachtet, als bliebe er nicht mehr in der „Lehre des Christus“. Mit dem Absolutheitsanspruch für den Besitz der einzig wahren Anbetung versucht man den Gemeinschaftsentzug zu legitimieren.

Es spielt daher keine Rolle, ob man zu einer anderen Kirche übertritt und sich weiter als Christ betrachtet oder einfach nur der Organisation der Zeugen den Rücken kehrt; man ist auf jeden Fall ein „Abtrünniger“.

Um das Kontaktverbot aufrechtzuerhalten, werden Dissidenten verunglimpft und ihre Motive in Frage gestellt. Da man aber nicht auf ihre Argumente eingehen will, greift man diese Personen frontal an.

In allen Wachtturm-Schriften bestehen die Angriffe auf „Abtrünnige“ ausschließlich aus Anschuldigungen gegen den Menschen, statt ihre Argumente mit der „Wahrheit“ abzugleichen.

Schon allein der Angriff auf die Person reicht daher aus, um jeden möglichen Dialog mit ihnen zu unterbinden.

Zitat WT 15. Juli 2011: Was wollen sie [die Abtrünnigen] bewirken? Die Organisation, die sie vielleicht einmal liebten, zu verlassen, reicht ihnen nicht. Ihr Ziel ist, wie Paulus erklärte, „die Jünger hinter sich her wegzuziehen“. Achten wir hier auf den bestimmten Artikel: „die Jünger“. Sie ziehen nicht los und machen eigene Jünger; nein, sie wollen die Jünger Christi mitnehmen. Sie sind wie „raubgierige Wölfe“ — darauf aus, die zutraulichen „Schafe“ in der Versammlung zu verschlingen, ihren Glauben zu zerstören und sie von der Wahrheit wegzulocken. (Mat. 7:15; 2. Tim. 2:18).

Wenn Jehovas Zeugen bei ihren katholischen und evangelischen Nachbarn vorsprechen, um sie zur „Organisation Jehovas“ zu führen, begehen sie genau denselben Fehler, den sie „Abtrünnigen“ vorwerfen, indem sie selbst von anderen Kirchen „Jünger“ abwerben.

In dem Artikel werden die Verunglimpfungen fortgesetzt, indem man Andersdenkenden falsche Beweggründe unterstellt. – Im Zitat heißt es weiter:

„Wie gehen falsche Lehrer vor? Auf sehr hinterlistige Weise. Abtrünnige schleusen „unauffällig“ schädliches Gedankengut ein, „schmuggeln“ ihre verkehrten Ansichten also heimlich, still und leise in die Versammlung.

Und wie Betrüger, die mit geschickt gefälschten Dokumenten arbeiten, so versuchen Abtrünnige, anderen „verfälschte Worte“, also irreführende Argumente, unterzuschieben, um ihnen ihre verkehrten Ansichten als „echt“ zu verkaufen. Sie verbreiten „trügerische Lehren“ und „verdrehen“ die Schriften zu ihren Gunsten (2.Pet. 2:1, 3, 13; 3:16). Abtrünnige haben nicht das geringste Interesse daran, dass es uns gut geht. Ihnen zu folgen, würde uns nur vom Weg zum ewigen Leben abbringen“.

Warum sind Jehovas Zeugen als alleinige Vertreter der „Wahrheit“ nicht bereit, es mit diesen „Irrlehrern“ aufzunehmen?

Man sollte doch meinen, dass sich selbstbewusste Besitzer der Wahrheit vor einer Konfrontation mit diesen „falschen Lehrern“ nicht zu scheuen brauchten. Wäre es für Jehovas Zeugen nicht ein großartiges Zeugnis vor der „gottlosen Welt“, wenn sie diese „Irrlehrer“ durch eine solche Konfrontation bloßstellen und ins Unrecht setzen würden?

Man fragt sich, warum sich denn Jehovas Zeugen den Triumph über diese „Irrlehrer“ entgehen lassen, indem sie ihre Teilnahme an öffentlichen Diskussionen häufig absagen, sobald Ehemalige zugegen sind. Damit werfen sie doch nur ein schiefes Licht auf ihre eigenen Motive. In solchen Situationen reagierte der Gründer Bruder Russel einst ganz anders, indem er für die „Wahrheit“ eintrat und das Gespräch in der Öffentlichkeit suchte.

Im WT v. 15. Juli 2011 heißt es weiter: Was ist denn genau damit gemeint, falsche Lehrer zu „meiden“? Wir würden sie weder in unser Haus aufnehmen noch grüßen. Genauso wenig würden wir ihre Schriften lesen, uns Fernsehsendungen anschauen,

in denen sie auftreten, ihre Internetseiten lesen oder Kommentare dazu in ihre Blogs schreiben. […] Egal was falsche Lehrer von sich geben – wir folgen ihnen nicht! Es gibt nicht den geringsten Grund, solche ausgetrockneten Brunnen aufzusuchen, wo man nichts als betrogen und enttäuscht wird.

Sollte aber die Wahrheit der Zeugen Jehovas einer Konfrontation mit der unterstellten Unwahrheit nicht standhalten können, dann hat sich diese „Wahrheit“ als Scheinwahrheit entpuppt und wird selbst der Unwahrheit überführt. Die „abtrünnigen“ Zeugen Jehovas als „ausgetrocknete Brunnen“ zu verunglimpfen, kann zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die angeblichen Wahrheiten der Organisation hier selbst jede Beweiskraft verloren haben.

Sachargumente kann sich die Wachtturm-Gesellschaft da nicht mehr leisten, denn dies käme einer Selbstdemontage gleich. Und so hat man für „Abtrünnige“ nur noch menschenverachtende Worte übrig, wobei man aufrichtige Motive und biblisch gut fundierte Argumente für ihre Kritik und ihre Bedenken von vorneherein nicht sehen will. Ein aufrichtiger Dialog, mit dem Ziel einen „Irrenden“ wieder zu gewinnen oder ihn gar „aus dem Feuer [des Zweifels] zu reißen“, wird erst gar nicht in Betracht gezogen.

Die strikten Kontaktverbote zu Andersdenkenden aus dem zitierten WT-Abschnitt lassen erkennen, dass die Gesellschaft vorrangig einen Autoritätsverlust befürchtet und nicht wirklich an Sachargumenten interessiert ist. Erzwingt man den Kadavergehorsam der Mitglieder, braucht man sich erst gar nicht mit unangenehmer Kritik von Abweichlern zu befassen. Es genügt, den „fügsamen Schafen“ dann nur noch die nötige Furcht vor einem Kontakt mit Dissidenten einzuimpfen, um zu verhindern, dass man beginnt in unerwünschte Richtungen zu denken.

Die Mehrheit der Zeugen Jehovas ist davon überzeugt, dass sie diesen Anordnungen bedingungslos gehorchen muss. Dagegen zu protestieren, würde bedeuten dem „treuen und verständigen Sklaven“ zu widersprechen, der angeblich von Jesus Christus als Verwalter eingesetzt wurde. Nach ihren Publikationen käme das einer Auflehnung gegen Jesus Christus selbst gleich.

In dieser Furcht liegt das Geheimnis für die Erhaltung eines Systems, das bedingungslosen Gehorsam und unreflektierte Unterordnung unter die eigenen Gebote fordert, die man für göttliche hält. In totalitären Strukturen nimmt die Führungsriege ihren Untertanen das selbständige Denken ab und liefert ihnen stattdessen Fertiggerichte aus der eigenen Küche, die mit in diesem Fall einigen biblischen Gewürzen schmackhaft gemacht wurden.

Wie das mit der biblischen Aufforderung nach Jes. 34:16 und 1.Joh. 4:1vereinbar sein soll, mag jeder Leser selbst beurteilen, wenn es hier heißt: „Forscht selbst im Buch Jehovas und lest laut …“ und „… sondern prüft die inspirierten Äußerungen, um zu sehen, ob sie von Gott stammen.“

Selbständiges Denken wird uns abgenommen und untersagt

Im Königreichsdienst vom September 2007 wird ausdrücklich untersagt, unabhängig vom „treuen und verständigen Sklaven“ Bibelarbeit zu leisten. Darin wird die Frage behandelt: „Billigt es ‚der treue und verständige Sklave‘, wenn sich ZJ zusammentun, um eigenständig biblische Themen zu untersuchen und zu debattieren?

Schon im ersten Satz wird diese Frage mit einem kategorischen „Nein“ beantwortet und folgendermaßen begründet: „Dennoch haben sich in verschiedenen Teilen der Welt einige, die mit unserer Organisation verbunden sind, zusammengetan, um eigenständig biblische Themen zu untersuchen. Einige beschäftigen sich gemeinsam

mit anderen eingehend mit dem biblischen Hebräisch und Griechisch, um die Genauigkeit der Neuen-Welt-Übersetzung zu untersuchen. Andere erforschen wissenschaftliche Themen, die mit der Bibel zu tun haben“.

Spätestens hier sollten die Alarmglocken schrillen.

Sind es nicht gerade diese verbotenen Nachforschungen, die bei vielen Zeugen Jehovas zu dem Schluss geführt haben, dass die Lehren der Organisation in so manchen Punkten nicht stichhaltig sind und der Bibel häufig widersprechen.

Dieses Verbot ist verständlich, sind es doch gerade diese „verbotenen Nachforschungen“, die viele Zeugen Jehovas in unerwünschter Weise nachdenklich gemacht haben. Nichts fürchtet man wohl mehr als einen wachen und kritischen Verstand.

Mit der Anregung zu eigener Nachforschungsarbeit würde sich das System bald unweigerlich selbst demontieren. Daher billigt der „treue und verständige Sklave“ keinerlei Literatur, keine Websites und keine Treffen, die nicht unter seiner Leitung hergestellt oder organisiert werden. „Unsere Veröffentlichungen enthalten für das Bibelstudium und zum Nachdenken mehr als genug Stoff“, heißt es. In Wahrheit ist dies ein indirektes Eingeständnis dafür, dass so manche Lehren der Wachtturm-Organisation einer biblischen Prüfung nicht standhalten könnten.

Der „treue und verständige Sklave“ möchte, dass jeder Zeuge seine geistigen Ergüsse bereitwillig kommentar- und kritiklos annimmt, ohne sie zu überprüfen oder dabei Fragen zuzulassen.

Eine völlig andere Haltung zeigte dagegen der Apostel Paulus, als er über die Juden in Beröa sagte:

Die Juden in Beröa waren eher bereit, Gottes Botschaft anzunehmen, als die in Thessalonich. Sie hörten sich aufmerksam an, was Paulus und Silas lehrten, und forschten täglich nach, ob dies mit der Heiligen Schrift übereinstimmte.
Apg. 17:11- Hfa

Paulus war nicht etwa erbost, sondern freute sich über ihre Wissbegier, ohne sich durch ihre Nachforschungen übergangen zu fühlen oder ihnen gar mangelndes Vertrauen in seine Worte zu unterstellen. Die Botschaft war ihnen einfach zu wichtig, um sie nur blind und ungeprüft zu übernehmen.

Ihre Nachforschungsbemühungen hätten Paulus nie auf den absurden Gedanken bringen können sie „dem Satan übergeben zu wollen“, nur weil sie das Gehörte völlig legitim durch die Schriften bestätigt wissen wollten.

Man darf darüber nachdenken, ob es Gott billigt, wenn seine Diener nach eigener Forschungsarbeit in Seinem Wort die Lehre des „Sklaven“ als unhaltbar erkennen und sie daher nicht länger vertreten und mittragen wollen. Selbst wenn jemand zu einer anderen christlichen Kirche übertreten sollte, bedeutet das noch nicht, dass er „dem Satan übergeben wurde“ etwa mit dem Ziel, dort gezüchtigt zu werden „nicht zu lästern“.

Diese Personen haben weder gelästert noch Christus verlassen, sondern die Organisation, die behauptet Christus zu vertreten.

Wer die Bibel als Prüfstein für die Lehren des Sklaven benutzt und dabei zu abweichenden Auffassungen gelangt, hat sich weder der Blutschande noch der Gotteslästerung schuldig gemacht. Es kann daher durchaus folgerichtig sein, die Organisation freiwillig zu verlassen, wenn ihre Verantwortlichen an Stelle von „Lehren Menschengebote lehren“. Mat 15:9


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Ein Kommentar zu “Durch einen Gemeinschaftsentzug „dem Satan übergeben“?

  1. vie ratée

    Hallo ihr Lieben,

    ich bin gerade hierauf gestoßen:

    In Belgien hat Patrick Haeck zusammen mit anderen Betroffenen am letzten Freitag eine Strafanzeige gegen die Zeugen Jehovas eingereicht wegen ihrer Praxis des Umgangsverbotes mit und der Ächtung von Ausgeschlossenen. Der Staatsanwalt habe die Untersuchung bereits aufgenommen, die Medien haben breit darüber berichtet. Unten den ersten dazu erschienen Artikel in deutscher Übersetzung (durch infoSekta):

    Nieuwsblad vom 1. April 2015
    http://www.nieuwsblad.be/cnt/dmf20150331_01608958

    Ich bin gespannt, wie es in Belgien weitergeht..

    Viele liebe grüße

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